Vom sicheren Ausland zurück in den Krieg – Amela (Tuzla / Bosnien)

Beim Roten Kreuz in Tuzla durfte ich noch eine weitere tolle Person kennenlernen, Amela. Auch sie hat den Bosnienkrieg erlebt und bei verschiedenen internationalen Hilfsorganisationen gearbeitet.

Ich liebe es, wenn Menschen von ihrem Beruf begeistert sind. Doch selten habe ich jemanden erlebt, der so sehr vor Glück, Stolz und Zufriedenheit strahlt, wenn es um den eigenen Job geht. Ihr zuzuhören war pure Inspiration.

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Wie sieht dein Leben im Moment aus?

Ich lebe mit meinen zwei Töchtern und meinem Mann rund 50km von Tuzla entfernt. Jeden Tag pendle ich nach Tuzla wegen meiner Stelle beim Schweizerischen Roten Kreuz. Während der Woche lebt mein Mann in Sarajevo, da er Pilot ist und die Strecke zu mühsam wäre, um jeden Tag hin- und zurückzufahren. Zum Glück leben meine Eltern und die Schwiegereltern in der Nähe von unserem Haus. Das macht es möglich für mich, Kind und Karriere unter einen Hut bringen und sowohl mein Mann als auch ich können Vollzeit arbeiten.

 

Hast du immer in Bosnien gelebt?

Nein, als Kind hat unsere Familie in den USA gelebt. Mein Vater hat bei einem großen Möbelproduzent gearbeitet und konnte eine Niederlassung in den USA übernehmen. So sind meine Mutter, mein Bruder und ich mit ihm gekommen. 6 Jahre lang haben wir dort gelebt. Während unserer Teenager-Jahre wollte mein Vater jedoch, dass wir im behüteten Bosnien aufwachsen und nicht in Amerika möglicherweise mit Alkohol und Drogen konfrontiert werden. Grundsätzlich ein schöner Gedanke, doch leider brach der Krieg nur kurz nach unserer Rückkehr aus. Zuerst wollten wir das Land verlassen, doch mein Vater und Bruder durften nicht, da sie zum Militärdienst verpflichtet waren. Die Entscheidung wurde gefällt, dass wir lieber als Familie zusammenbleiben und niemand das Land verlässt.

 

Wie habt ihr die Zeit im Krieg verbracht?

Eigentlich wäre der Plan gewesen, dass ich studiere. Doch da wir keinen Zugang zu unserem Ersparten hatten, musste ich mir eine Arbeit suchen. Zum Glück konnten mein Bruder und ich beide fließend Englisch sprechen, was uns gute Chancen eröffnete Zuerst arbeitete ich bei der UN als Übersetzerin. Später half ich nationale Stellen bei der Einführung von Policies und schließlich der Royal Dutch Embassy bei der Verteilung finanzieller Mittel. Es war spannend, die verschiedenen Bereiche von Hilfsorganisationen kennenzulernen. Auch wenn es natürlich sehr schwere Zeiten waren.

Nach nur wenigen Monaten bekam mein Bruder die Chance, mit seiner damaligen Freundin in die Türkei zu gehen. Natürlich waren wir alle froh, denn so wurde er nie als Soldat eingezogen. Doch für uns war es zu spät, das Land noch verlassen zu können. Wäre diese Möglichkeit früher aufgetaucht, hätten meine Eltern und ich auch vor dem Krieg flüchten können. Jetzt im Nachhinein sind wir einfach froh, dass es uns allen gut geht.

 

Wurdest du in diesen 4 Jahren je verletzt?

Ja, aber zum Glück nicht schwer und ich habe mich gut erholt. Täglich gab es Schützenfeuer und Bombenangriffe im ganzen Land. Alleine in Sarajevo gab es in den 4 Jahren jeden einzelnen Tag mehrere Schützenangriffe. An dem schlimmsten Tag wurden erschreckende 3777 Granateneinschläge verzeichnet.

 

Wie bist du zum Schweizerisches Roten Kreuz gekommen?

Erst vor 10 Jahren hat sich das ergeben. Es wurde eine neue Stelle geschaffen und ich war sofort daran interessiert. Nach meinen vorangegangenen Erfahrungen, wollte ich nun auch in der Feldarbeit tätig zu werden. Ich bin so glücklich, dass es sich so ergeben hat, da es mir unglaublich viel Spaß macht und das Glück unserer Begünstigten mir so viel zurückgibt.

 

Welche Projekte koordinierst du beim Roten Kreuz?

Im Moment bin ich vor allem für das Aktivierungsprogramm für ältere Menschen verantwortlich. Vor ca. 3 Jahren haben wir damit gestartet. Wir haben Gemeinden der Tuzla Region einen Besuch abgestattet, um mit den Einwohner im Alter von 65 Jahren und älter über unsere Ideen zu sprechen. Viele Menschen dieser Generation sind nämlich alleine, da ihre Kinder und Enkel ins Ausland abgewandert sind. Unser Ziel war daher, sie zu motivieren, gemeinsam etwas zu unternehmen und eigene Ideen umzusetzen Die einzige Anforderung an sie ist, einen Ort für regelmäßige Treffen zu finden. Wir unterstützen sie in der Folge mit Investitionen in die Infrastruktur und kleinen Workshops.

 

Was konnten diese Gruppen bisher bewegen?

Es ist unglaublich, was diese simple Ideen und ein bisschen Geld für Stühle, Öfen, etc. bewirken konnte.

Die Gruppen wurden selber aktiv und setzten ihre eigenen Ideen um, um das Leben für die gesamte Gemeinde zu verbessern. Die Aktivitäten sind so vielfältig, wie die Menschen in den einzelnen Gegenden:

  • Konzerte für über 100 Besucher
  • Müllsammeltage
  • gemeinsame Reisen
  • Kochen mit Kindern mit Behinderungen
  • Folkloregruppen mit Kindern
  • Blutspendetage,…

Ich könnte stundenlang von all diesen Projekten erzählen, doch das wirklich wichtige ist, dass sich diese älteren Menschen dadurch wieder nützlich fühlen. Nachbarn helfen einander, die Teilnehmer fühlen sich weniger einsam, sie sind stolz auf das Erreichte und haben eine unglaubliche Energie entwickelt, um mehr und mehr zu verbessern und gesund alt zu werden.

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