Kriegszeugin & Flüchtlingshelferin im Bosnienkrieg – Mihela (Tuzla / Bosnien)

Nach einer spannenden Fahrt quer durch den Norden von Bosnien – 300km, 7h Fahrt – sind wir in Tuzla angekommen. Der Grund für unseren Besuch von Tuzla und Lukavac ist das Schweizerische Rote Kreuz. Bereits vor einigen Monaten habe ich mich mit Julia vom Schweizerischen Jugendrotkreuz in Bern getroffen. Seit über 5 Jahren bin ich Freiwillige beim JRK und wollte natürlich sehen, ob ich etwas für sie während meiner Reise machen kann. So ist die Idee entstanden, dass ich die SRK Niederlassung in Bosnien besuche.

Schon aufregend, wenn man mitten im untouristischen Teil eine Adresse sucht, wo scheinbar das SRK Büro ist. Doch wer nicht wagt, der nicht gewinnt und so traue ich mich in das unscheinbare Haus mit der richtigen Nummer, doch ohne jeglichem Rotkreuz Schild. Mut wird zum Glück meist belohnt, denn im ersten Stocke werde ich dann schließlich fündig.

Mihela, Verantwortliche dieser Niederlassung, empfängt mich herzlich.

 

Wie bist du zum Schweizerischen Roten Kreuz gekommen?

Vor über 20 Jahren, während des Bosnienkriegs, veränderte sich das Leben komplett. Viele Arbeitsplätze verschwanden, denn das Überleben stand im Vordergrund. Andere Aufgaben bzw. Berufsfelder ergaben sich aus der allgegenwärtigen Not. So kamen auch viele ausländische Hilfsorganisationen ins Land. Beim Schwedischen Roten Kreuz konnte ich in dieser Zeit anfangen. Nach einem Jahr ergab sich dann die Möglichkeit zum Schweizerischen Roten Kreuz zu wechseln. Das ist nun exakt 20 Jahre aus.

Welche Aufgaben übernahm das Rote Kreuz während des Bosnienkriegs?

Nach Tuzla kamen viele Familien, die flüchten mussten. Die umkämpften Gebiete befanden sich nicht weit von Tuzla im Osten und Süden. Den Familien blieb nichts anderes übrig, als ihr Zuhause zu verlassen und ihr Hab und Gut hinter sich zu lassen, um zu überleben. Das Rote Kreuz und viele weitere internationale NGOs versuchten diese Leute zu unterstützen. Sicherheit, ein Dach über den Kopf und zu Essen standen im Vordergrund. Aber auch psychologische Betreuung war wichtig.

 

Hast du schon immer in diesem Bereich gearbeitet?

Nein, bevor der Krieg 1992 ausgebrochen ist, habe ich in einer Bank gearbeitet. (lacht) Das war noch ein ganz anderes Leben. Nachdem ich aber im Krieg gesehen habe, was unsere Arbeit im Roten Kreuz alles bewirkt hat, möchte ich nichts anderes mehr machen.

 

Welche Projekte habt ihr im Moment im Fokus?

Viele junge Menschen und Familien sind in den letzten Jahren ins Ausland gegangen. Das Durchschnittsalter in den ländlichen Regionen ist rapide gestiegen. Daher steht momentan die Betreuung & Aktivierung der älteren Generation im Fokus. Unter anderem unterstützen wir zwei Einrichtungen, in denen Betagte betreut werden. Vierzehn Pflegefachkräfte versorgen rund 150 Personen, die meist keine Familie mehr in Bosnien haben. Der Bedarf ist jedoch noch immer riesig. Weitere 7 Einrichtungen haben bei uns um Unterstützung angefragt und wir werden demnächst 3 davon in unser Projekt aufnehmen können. Zusätzlich gehören auch mobile Dienste, die Senioren Zuhause unterstützen, zu unserem Programm.

Außerdem sind wir stolz auf unsere „active aging“ Gruppen. In den meisten Dörfern rund um Tuzla gibt es nun Vereine von +65-Jährigen, die das Schicksal ihrer Gemeine selbst in die Hand nehmen. Nur ein bisschen Aufklärungsarbeit und Unterstützung unsererseits haben ausgereicht, um in dieser Generation wieder den Gedanken der Nachbarschaftshilfe zu wecken. Eigentlich ist das etwas, das tief in unserer Kultur verankert ist, doch mit den Kriegswirren wurde es irgendwie verschüttet. Jetzt leben diese Werte wieder auf! Denn mittlerweile veranstalten diese Gruppen zB Parties für das gesamte Dorf, kochen für Bettlegrige, oder reisen gemeinsam. Es ist richtig inspirierend, wie sie die Dorfgemeinschaft beleben und nun bei wichtigen Entscheidungen um Rat gefragt werden.

(Mehr dazu im Interview mit Amela…coming soon)

 

Was wünscht du dir für die Zukunft?

Weiterhin diese Mischung aus Feld- und Büroarbeit. Denn es ist wichtig, zuerst gemeinsam Konzepte und Strategien festzulegen und schließlich in der Bevölkerung zu erleben, welchen positiven Einfluss sie haben. Außerdem hoffe ich, dass die Verwirrung nach dem Bosnienkrieg mehr und mehr nachlässt. Die Infrastruktur ist nun Großteils wieder aufgebaut, doch einige Aspekte des Systems funktionieren noch nicht. Die Menschen erholen sich, aber nun müssen Perspektiven für die Zukunft her.

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